Deutsche Bahn auf Abwegen? Warum Bewerbungsschreiben nicht abgeschafft werden sollten

Seit Anfang dieser Woche ist bekannt, dass die Deutsche Bahn in Zukunft Bewerbungsschreiben für Auszubildende abschaffen will. Zeitgemäße Lösung oder ein verzweifelter Versuch, an neues Personal zu gelangen?

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In diesem Beitrag geht es darum, dass Bewerbungsschreiben nicht an Bedeutung verlieren sollten. Aus ihnen lassen sich nämlich frühzeitig – noch in der Vorauswahl – wichtige Persönlichkeitsmerkmale ihrer Verfasser ableiten. Ab Herbst 2018 sollen Bewerbungsschreiben nicht mehr Teil einer Bewerbung für einen Ausbildungsplatz sein. „Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen“, meint Personalerin Carola Hennemann. „Für Schüler ist so ein Motivationsschreiben schon schwierig“, fügt die Leiterin für Personalgewinnung in Baden-Württemberg hinzu. Demnach sollen nur noch Lebenslauf und Zeugnisse über eine Onlineplattform eingereicht werden müssen. Im Rahmen einer ersten Testphase soll dann sukzessive geprüft werden, inwieweit generell auf das Anschreiben verzichtet werden kann.

Zum Hintergrund: Bewerbungsschreiben sorgen für Personalmangel

Die Bahn hat die nächsten Jahre ein Nachwuchsproblem im Personalbereich und lost aktuell ein Bonusprogramm zur Personalsuche aus. Jeder Mitarbeiter, der einen neuen Kollegen anwirbt, wird mit einer Kopfpauschale von bis zu 1.500 Euro belohnt. Die Bahn spricht auch davon, dass Lokführer-Stellen für die S-Bahn in Stuttgart mit Menschen aus Kroatien besetzt wurden. Auch gegenüber Quereinsteigern sei man offen. Ob es der Bahn mit dieser Personalpolitik gelingen wird, auch eine entsprechende Qualität zu sichern sei dahingestellt. Weiterhin wird an Schulen durch alle Stufen und Schularten hinweg die Sprachvermittlung und Sprachdarstellung gelehrt und angewendet werden. Ist es trotzdem besser, ein Bewerbungsverfahren zu verwässern, anstelle es zu verbessern? Befindet sich die Deutsche Bahn auf dem Abstellgleis?

Bewerbungsschreiben und was tatsächlich zählt

Es gibt namhafte Gegner von Bewerbungsschreiben, weil sie nicht mehr zeitgemäß seien: Beispielsweise meint Henrik Zaborowski, dass bei der Suche nach einem IT-ler oder Maschinenbauer seine rhetorischen Fähigkeiten keine Rolle spielen würden. Schließlich suche man keinen Texter. Relevanter sollen stattdessen Bewerbungsgespräche bzw. der erste Kontakt via Mobile Recruiting sein. Doch sind mittelständische Unternehmen schon so weit, komplett auf Mobile Recruiting zu setzen? Wie sollen Personaler alle Kandidaten erst zu einem Gespräch einladen und auf Basis dessen eine Entscheidung treffen können, wenn sich auf eine Stelle 1.000 Azubis in spe bewerben?

Warum Bewerbungsschreiben (immer noch) so wichtig sind

Selbst wenn Großkonzerne wie die Deutsche Bahn an Personalmangel leiden, sind Anschreiben als Teil einer Bewerbung immer noch sehr wichtig. Sie stellen ein bedeutendes Auswahlkriterium dar, anhand dessen gemessen werden kann, wie geeignet ein Kandidat für die Stelle ist. Damit ist nicht nur gemeint, wie sprachlich versiert die Person ist, oder ob der Bewerber alle Rechtschreibkenntnisse beherrscht. Vielmehr zeigt sich in einem solchen Anschreiben, wie der Verfasser denkt. Denn menschliches Denken drückt sich über den Sprachgebrauch aus, der nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussbar ist. Bewerbungsschreiben bieten sich also als erste Quelle an, herauszufinden, ob ein Kandidat eher analytisch oder spontan-intuitiv denkt. Ob er eher beziehungsmotiviert ist und frei heraus handelt, oder ob er eher dominant und führungsmotiviert ist. Herausgefunden kann dies mit dem Competence-Monitor. Mit ihm können Soft Skills, wie Führungs-, Leistungs- und Beziehungsmotivation, Denkstil, Dominanz, Authentizität oder Stimmung ermittelt werden. Dahinter steckt ein Sprachanalyseverfahren, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus den letzten 30 Jahren fußt und mindestens genauso valide Aussagen wie herkömmliche Persönlichkeitstests, die im Auswahlprozess verwendet werden, treffen kann. Ohne Bewerbungsschreiben müssten die Soft Skills in Bewerbungsgesprächen oder in teuren Assessment-Center-Verfahren ermittelt werden. Ohne notwendiges Anschreiben kommen höchstwahrscheinlich sogar mehr Bewerbungen ins Haus. Somit steigt nicht nur der Aufwand für die Bewerber, sondern auch Zeit- und Kostenaufwand erhöhen sich – nur weil man Schülern nicht zutraut, ein halbwegs ordentliches Bewerbungsschreiben aufzusetzen…

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